Inklusion

Felix - behindert, aber einer von uns

Am 08. März 1996 wurde unsere Schule erstmals mit der Problematik "Inklusion eines geistig und körperlich schwer behinderten Kindes" konfrontiert, als Eltern wegen der Beschulung ihres behinderten Sohnes Felix anfragten.

Drei Jahre später, am 16. September 1999 besuchte Felix die Eingangsklasse unserer Grundschule.


Was war geschehen, um dies möglich zu machen?

  • Besuch einer Wochenendveranstaltung mit Workshop zur Inklusion (1996)
  • Hospitation in Inklusionsklassen bei Dr. Syrow in Reutte/Tirol (Osterferien 1997)
  • Schulversuch "Phonetisches Schreiben" an unserer Schule (September 1997). Kernpunkt hierbei: offener Unterricht, starke Individualisierung des Lernens.
  • Schuleinschreibung 1999: Klassenteilung bei 35 Schulanfängern
  • Einstimmiger Beschluss der Lehrerkonferenz pro Inklusion (April 1999)
  • Zusage des Schulamtes (April 1999)
  • Festlegung des Lernortes und des sonderpädagogischen Förderbedarfes durch die zuständige Förderschule Neutraubling
  • Organisation eines passenden Klassenraumes (mit separatem Therapieraum)
  • Festlegung der Schülerzahlen (Klasse 1a mit Felix 15 Schüler; 20 Schüler in 1b)
  • Einstellung einer Heilerziehungspflegerin (Bezahlung durch die Versicherung, da Felix seit einem Verkehrsunfall geistig und körperlich behindert ist.)



Um auch weiterhin nichts dem Zufall zu überlassen, hospitierten wir mit insgesamt 8 Teilnehmern 3 Tage an Berliner Schulen mit Inklusionsklassen (Allerheiligenferien 1999). Einen langen Abend nahm sich auch Frau Prof. Jutta Schöler für uns Zeit zur Klärung offener Fragen und zur Diskussion.



Tüchtig ist nicht,
wer mehr leistet als andere,
sondern der, der alles das leistet,
was potentiell in ihm möglich ist.
(Ludwig-Otto Roser)


Bericht der Lehrerin

Frau Gritschmeier, die Lehrerin von Felix, berichtet über ihre Erfahrungen aus der Praxis inklusiven Unterrichtens:

 

Inklusion schafft Veränderungen

 

  • für mich als Lehrerin

Als Lehrerin befinde ich mich normalerweise in der Situation einer "Einzelkämpferin": Ich plane und reflektiere alleine, ich freue mich, aber ich leide auch alleine. Felix hat nun einen Mitarbeiterinnenstab mitgebracht.

Die Besprechungen im Team beanspruchen viel Zeit und Teamfähigkeit will auch gelernt sein. Mittlerweile hat sich vieles eingespielt und ich erlebe die Arbeit im Team als Bereicherung: Zwei oder drei Köpfe produzieren eben mehr als einer. Verschiedene Meinungen beugen der Einseitigkeit vor. Eigene Misserfolgsgefühle relativieren sich oft im Gespräch mit den anderen. Erfolge werden klarer herausgearbeitet und wahrgenommen.

 

  • für meinen Unterricht

Das oberste Prinzip in einer Inklusionsklasse lautet: Weg vom Frontalunterricht hin zu offenen Unterrichtsformen. Kinder müssen dort, wo sie gerade stehen, abgeholt und individuell weiter gefördert werden, um den nächsten Schritt anzupeilen. Im offenen Unterricht ist die Lehrerin (oder der Lehrer) Wegbereiter. Das Kind darf alleine losmarschieren, es kann auch Umwege gehen. Nur bei Sackgassen oder Umwegen greift die Lehrkraft behutsam ein. Sie kann Hinweise und Ratschläge zu den Schwierigkeiten oder zu besonderen Schönheiten eines Weges geben.

Als Felix in mein Lehrerinnenleben trat, praktizierte ich Freiarbeit und Wochenplanarbeit bereits etliche Jahre. Das Prinzip der echten Individualisierung verwirklichte ich schwerpunktmäßig im Deutschunterricht (bedingt durch den Schulversuch "Phonetisches Schreiben"). Die Kinder haben es Felix zu verdanken, dass sich die Individualisierung der Lernziele, d.h. zieldifferentes Lernen nun auch auf andere Fächer ausweitet.

 

  • für die anderen Schüler

Die Kinder haben eine natürliche Beziehung zu Felix aufgebaut. Freilich mussten sie erst angeleitet werden, wie man mit Felix Kontakt aufnimmt, mit ihm umgeht, was er mag oder nicht mag, wie man mit ihm arbeiten kann. Sehr bald ist Felix einer von ihnen geworden, ist trotz seiner Grenzen voll akzeptiert. Dies drückte eine Schülerin so aus: "Erst tat er mir leid, jetzt gehört er zu uns."

Die Kinder lernen früh, Verantwortung zu übernehmen: Bestrebt, dass Felix Fortschritte macht, arbeiten sie gewissenhaft mit ihm, helfen ihm, respektieren ihn. Die Kinder wissen, dass Felix auch durch Nachahmen und Mittun lernt. Dies motiviert sie, positive Vorbilder zu sein.

In unserer Klasse spielt es keine Rolle, wer der oder die beste ist, es existiert keine Rangskala. Unser Ziel ist es, dass jeder Schüler und jede Schülerin - allein oder gemeinsam mit anderen – sein und ihr individuelles Leistungsvermögen steigern kann. So ist allen selbstverständlich klar, dass Felix großes leistet, wenn er zum Beispiel beim Malen eines Bildes selbständig Farbe aufträgt oder einen Gegenstand benennt.

 



Seit dem Schuljahr 2011/12 wird an unserer Schule ein Junge mit mittelgradiger beidseitiger Schwerhörigkeit integriert. Er trägt rechts ein Hörgerät und links ein Cochlea-Implantat. Dieses filtert mit einer FM-Anlage Nebengeräusche. Dem Schüler steht eine Schulbegleiterin zur Seite. Er benötigt immer wieder Unterstützung sowie Kontrolle, ob er alles verstanden hat, was im Unterricht besprochen wurde. Er ist noch nicht in der Lage, seine Verständnisprobleme offen zu äußern. Außerdem benötigt er in Konfliktsituationen Unterstützung zur Problemlösung.

 

Chancengleichheit besteht nicht darin,
dass jeder einen Apfel pflücken darf,
sondern darin,
dem Zwerg eine Leiter zu geben.